Was ist wirklich dran am Fachkräftemangel? So ist die Lage in der IT

Fachkräftemangel in der IT

Die Gehälter in der IT steigen ins unermessliche – und schuld daran ist der Fachkräftemangel. Der Arbeitsmarkt verwandelt sich in einen Arbeitnehmermarkt, in dem die ITler ihren Bossen die Konditionen diktieren können. Solchen Aussagen begegnet man häufiger, auch bei Dice. Aber wie hoch ist der Fachkräftemangel in der IT wirklich und wie entwickelt er sich? Wir haben einmal genauer hingesehen und berichten, wie real der Fachkräftemangel für ITler wirklich ist.

 

Das verstehen wir unter Fachkräftemangel in der IT

Fachkräftemangel wird gemeinhin so verstanden: Es gibt zu wenige gut ausgebildete Arbeitskräfte in Deutschland, wichtige Posten müssen unbesetzt bleiben, weil die Arbeitgeber nicht genug qualifiziertes Personal finden. Personaler investieren oft mehrere Monate in die Besetzung einer einzigen Stelle, ein Kampf um die besten Mitarbeiter tobt. Mit hohen Gehältern und guten Konditionen versuchen die Unternehmen, sich gegenseitig die besten Köpfe streitig zu machen. Das Resultat für die begehrten Fachkräfte: Sie können sich bei der Jobsuche zurücklehnen, denn bald wird auch bei ihnen jemand mit einem verlockenden Angebot anklopfen. Zumindest in der IT-Branche geht die Geschichte so. Aber ist das wirklich so? Und wie sieht es in den anderen Branchen aus?

 

Realitätscheck: Fachkräftebericht der Agentur für Arbeit

Die Statistik mit dem handlichen Namen „Fachkräfteengpassanalyse“ der Bundesagentur für Arbeit (hier einzusehen), bescheinigt uns, Stand Juni 2017 folgendes:
„Es zeigt sich […] kein flächendeckender Fachkräftemangel in Deutschland.“

Aha!

Allerdings werden durchaus ein paar Branchen genannt, in denen Personal dringend gesucht wird. Das ist vor allem in den Ingenieur- und Bauberufen sowie in der Gesundheits- und Pflegebranche der Fall. Hier besteht momentan tatsächlich ein großer Engpass. Wichtige Stellen können nicht besetzt werden, mit Folgen für die Produktivität in diesen Bereichen.

Aber was ist denn nun mit dem viel beschworenen Fachkräftemangel in der IT? Die Tatsache, dass Stellen schwierig zu besetzen sind und Löhne steigen, ist ja nach wie vor gegeben, oder?

 

Zur Datengrundlage des Fachkräfteberichts

Einschränkend muss man zu dieser Statistik sagen, dass die Arbeitsagentur nur ungefähre Angaben machen kann. Das liegt daran, dass nur etwa jede zweite Stellenausschreibung bei der Agentur gemeldet wird und viele Jobs über den verdeckten Stellenmarkt vergeben werden. Viele ITler, die auf Jobsuche sind, tauchen ebenfalls nicht bei der Bundesagentur auf. Weil sie noch im Abschluss ihrer Ausbildung sind, oder bereits in Teilzeit arbeiten. Dennoch kann niemand bessere Zahlen liefern, da die meisten Daten zum Thema freie Stellen eben doch bei der Arbeitsagentur gesammelt werden.

 

Fachkräftemangel in der IT: So ist die Situation

Schaut man etwas genauer hin, entdeckt man auch in der IT-Branche Engpässe, die durch die Arbeitsagentur bescheinigt werden. Bundesweit fehlen den Betrieben Experten in der Softwareentwicklung und Programmierung. Hier beträgt die durchschnittliche Vakanzzeit – also der Zeitraum bis eine freie Stelle besetzt werden kann – derzeit 144 Tage. Gegenüber 2016 hat sich diese Zeit allerdings verkürzt, letztes Jahr dauerte es noch 163 Tage, bis ein geeigneter Mitarbeiter gefunden wurde. Besonders stark macht sich ein Mangel bei Betrieben in Bayern bemerkbar. Auch in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz, NRW und Sachsen gibt es zu wenig verfügbare Mitarbeiter. In Berlin ist die Lage im Gegensatz dazu übrigens  total entspannt.

Bis vor kurzem waren auch Experten in der IT-Anwendungsberatung stark begehrt, hier hat sich die Situation aber offenbar im letzten halben Jahr deutlich verbessert. Den offenen Stellen stehen jetzt ausreichend Experten gegenüber, so dass kein Mangel mehr besteht.

„Experten“ definiert die Agentur übrigens als Personen mit einer mindestens vierjährigen Hochschulausbildung bzw. vergleichbarer Qualifikation.

Von einem durchgehenden Fachkräftemangel in der IT kann also nicht die Rede sein.

 

Entwicklung des Fachkräftemangels in der IT

So hat sich der Fachkräftemangel in verschiedenen IT-Jobs in den vergangenen Jahren entwickelt. Jedes rote Kästchen steht für einen bundesweiten Mangel in diesem Bereich. Ein grünes Kästchen signalisiert Entspannung. Betroffen sind generell nur Mitarbeiter mit „Experten“-Status, also einer 4-Jährigen akademischen Ausbildung. Bei weniger hoch qualifizierten Mitarbeitern bestand und besteht überhaupt kein Fachkräftemangel in der IT.

 

Beruf Jun 13 Dez 13 Jun 14 Dez 14 Jun 15 Dez 15 Jun 16 Dez 16 Jun 17
Informatiker ohne Spezialisierung  :(  :(  :(  :(  :(  :(  :(  :)  :)
Wirtschaftsinformatiker :(  :( :(   :(  :(  :(  :(  :)  :)
Technischer Informatiker  :(  :(  :(  :(  :(  :(  :(  :)  :)
IT-Anwendungsberater  :)  :)  :)  :)  :)  :)  :)  :(  :)
Softwareentwickler  :(  :(  :(  :(  :(  :(  :(  :(  :(

 

Ist die Geschichte vom Fachkräftemangel also eine Lüge?

So kann man das nicht ausdrücken. Es besteht ja in einigen unverzichtbaren Berufen wie eben der Altenpflege, aber auch Geburtshilfe und – hätten Sie’s gewusst? – im Bereich Klempnerei, Sanitär und Heizung, tatsächlich ein dramatischer Mangel. Kurioserweise wird der aber nicht durch großangelegte Ausbildungs-Initiativen an den Schulen und immer weiter steigende Gehälter bekämpft. Dabei könnte man ganz selbstkritisch vielleicht wirklich mal darüber diskutieren, ob ein Programmierer für die Gesellschaft tatsächlich wertvoller ist als eine Fachkraft im Rettungsdienst.

Wie dem auch sei, die Geschichte vom Fachkräftemangel kann man eher als „sehr stark verkürzt“ bezeichnen. Es werden die Engpässe in „glamouröseren“ Jobs, wie eben bei den fehlenden Programmierern stark betont, die anderen werden darüber vergessen. Um ihren Bedarf an guten Mitarbeitern zu decken werden die Unternehmen selbst aktiv. Sie bieten immer attraktivere Jobs an und wirken auf die Öffentlichkeit ein, mehr und bessere Mitarbeiter für ihre Unternehmen auszubilden. Alles vernünftige Maßnahmen um die Bedarfslücke zu schließen.

Daran sollten sich Arbeitgeber in den anderen Branchen ruhig mal ein Beispiel nehmen, sonst haben all die heißbegehrten Informatiker ein Problem, wenn sie einmal alt werden, weil Pflegekräfte fehlen. Dafür braucht es aber eine öffentliche Debatte, denn Erzieher, Pfleger und Handwerker haben keine starke Lobby. „Selbst aktiv werden“ ist für sie ohne Unterstützung deutlich schwerer.

 

Was bedeutet das für ITler auf Jobsuche?

Wir halten also fest: Der Fachkräftemangel in der IT betrifft momentan eigentlich nur hochqualifizierte Mitarbeiter in wenigen Bereichen und einigen Bundesländern. Unterstrichen wird diese Aussage durch Bitkom, Statista und Heise, die feststellen, dass die Zahl arbeitsloser Informatiker in den letzten Jahren sogar gestiegen ist.

Statistik IT Arbeitsmarkt

Die Geschichte vom Informatiker, der sich zurücklehnen kann, bis das beste Job-Angebot kommt, stimmt also nicht so ganz. Diese Zeiten sind vorbei – zumindest in den allermeisten Bereichen. Stattdessen muss jeder, der Karriere machen will, auch dafür arbeiten: Sich fortbilden, seine Skills auf dem neuesten Stand halten und sich regelmäßig auf Netzwerk-Treffen blicken lassen. Und sich mit überzeugenden Bewerbungen ins Gespräch bringen.

 

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Foto: pexels

One Response to Was ist wirklich dran am Fachkräftemangel? So ist die Lage in der IT

  1. MN 18. December 2017 at 14:13 #

    Ich arbeite als Führungskraft im Bereich Software-Entwicklung und suche dafür seit über 10 Jahren immer wieder augebildete Experten. Seit ca. 2 Jahren kann ich außer über Personalvermittler kaum noch Rückmeldungen/Bewerbungen auf unsere Stellenausschreibungen erkennen. Trotzdem melden wir offene Stellen nicht dem Bundesamt für Arbeit und ich kenne auch sonst keine IT-Firma auf dem freien Markt, die dies tut. Warum auch – die dort geführten Kandidaten (ich habe das vor ein paar Jahren mal probiert) sind vor allem umgeschulte Berufssoldaten, denen man nach dem Hochschulstudium an der BW-Akademie eine gesicherte berufliche Zukunft nach der Offizierslaufbahn versprochen hat oder ehemalige Handwerker etc.) Leider ohne die notwendigen Kenntnisse.

    Woher nimmt das Bundesamt für Arbeit also seine Zahlen? Doch wohl kaum aus den Job-Portalen dieser Welt, oder?

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