Die Demoszene: Extrem nerdig und extrem talentiert

Ein abgedunkelter Saal voller Menschen mit gigantischer Leinwand im Hintergrund

Im abgedunkelten Saal schlängeln sich amorphe Formen zum Beat der Elektromusik über eine gigantische Leinwand. Immer wieder spenden die ca. 480 Zuschauer und Zuschauerinnen Szenenapplaus. Nach einigen Minuten ist die Demonstration zu Ende, das Licht geht an und die Menge jubelt. Nachdem jeder abgestimmt hat, setzen sich wieder alle an ihre Rechner, schreiben an ihren eigenen Demos weiter, fachsimpeln oder stoßen auf die gesehene Demo an. So geht es in Saarbrücken auch dieses Jahr wieder drei Tage lang, wenn auf der Revision vom 14.-17. April die größte Demo-Party der Welt gefeiert wird. Während das deutsche Feuilleton noch überlegt, wie sich Computer und dieses neue Internet in der etablierten Kunst wiederfinden können, wurde in der Subkultur die Antwort auf diese Frage anscheinend schon lange gefunden.

 

Anarchische Ursprünge in den 80ern

Die Demoszene entwickelte sich im Europa der 80er Jahre aus der Szene der Games Cracker. Ja genau, 80er: 8 bit, 32 Farben, 170 KB fassende Disketten. Es bürgerte sich ein, auf dem freigewordenen Speicherplatz der gecrackten Spiele-Diskette kleine selbstprogrammierte Signaturen zu hinterlassen. Auf bunten Sidescrollern waren dann die Pseudonyme der Cracker zu lesen, die ihre Leistung feierten, bevor Donkey Kong dann mal startete. Von der Intention ist das vielleicht vergleichbar mit einem Graffiti-Tag, das sagt: Schaut her, das war ich! Und auch der anarchische Grundgedanke, sich eine Plattform einfach anzueignen und etwas ganz Neues, Eigenes damit anzustellen, zieht sich wie ein roter Faden durch diese Geschichte. Als man sich dann entschied, das Spiel einfach wegzulassen und stattdessen die ganze Diskette mit dem selbst programmierten Machwerk zu befüllen, war die Demo geboren – und sie ist seitdem nicht totzukriegen.

 

Demo kommt von Demonstrieren

Von außen sieht eine Demo aus wie ein Musikvideo. Figuren, Formen und Text, manchmal ganze Landschaften bewegen sich zu selbst komponierter Elektromusik mehrere Minuten lang über den Bildschirm. Aber dahinter steckt so viel mehr. Jede Demo ist ein in Echtzeit ausgeführtes Programm und besteht komplett aus Code. Darum geht es hier auch nicht (nur) um die reine Ästhetik: Die Demo ist eine Demonstration der Möglichkeiten der Plattform – es gibt Demos für PCs, aber auch für Game Boys, C64 und Taschenrechner. Gleichzeitig werden die Skills und die Kreativität der Gruppe gefeiert, die die Demo geschrieben und damit die Grenzen des Systems ausgelotet hat. Aus der Not der anfangs sehr begrenzten Speichermedien und winzigen Arbeitsspeichern entstand der Ehrgeiz, mit möglichst elegantem und schlankem Code maximal abgefahrene Animationen zu programmieren. Deshalb ist eine Demo-Party ohne Competition auch unvorstellbar – die Demos treten auf den Szene-Treffen in verschiedenen Kategorien gegeneinander an und ringen um einen der ersten Plätze.

Rechner soweit das Auge reicht auf der Revision

 

Demo-Partys: Hier trifft sich die Szene

Ohne Partys wäre die Szene nur halb so lebendig. Jährlich findet eine Handvoll von ihnen in Europa statt. Hier treffen sich die Mitglieder der Demo-Gruppen, die das Jahr über vielleicht nur über Foren in Kontakt standen, genauso wie Fans der Szene. Auf den ersten Blick sieht eine Demo-Party vermutlich aus wie eine LAN-Party, der Schwerpunkt liegt allerdings viel stärker auf kreativer Produktion, als auf konsumieren oder spielen. Hier stellt man seine Demos fertig, lernt voneinander, feiert – und führt einander vor, woran man in letzter Zeit gearbeitet hat. Die momentan größte reine Demo-Party weltweit ist die Revision in Saarbrücken. Auf diesem „Festival für Demos“ ist an Schlaf nicht zu denken. Zusätzlich zu der Möglichkeit, mit den Künstlern in Kontakt zu kommen und sich auszutauschen, ist ein riesiges Rahmenprogram geboten. Es gibt eine Vielzahl an Competitions, aber auch Vorträge, Workshops, Konzerte – und natürlich ganz viel Party.

 

Und heute? Interview zur Demoszene im Jahr 2017

 

Dice: Hallo! Erzählt uns doch etwas über euch – wie seid Ihr in der Demoszene gelandet? Seid Ihr auch beruflich in der Richtung unterwegs oder wo ist die Connection?

dojoe: Hallo, ich bin Joachim „dojoe“ Fenkes, seit ca. 1993 passiver und seit 2012 auch aktiver Demoszener. Ich habe mich schon immer für Computer im Allgemeinen und Grafik und Sound im Speziellen interessiert. In der dritten Klasse haben mich auf dem Amiga eines Schulfreunds Demos fasziniert, noch bevor ich wusste, dass es da eine ganze Szene drumherum gibt, und seit mir 1993 ein anderer Freund Demos auf meinem PC gezeigt hat, war ich fasziniert.
Durch die Szene bin ich quasi auch zu meinem Beruf gekommen — Demos haben meine Faszination für Hardware-Programmierung geweckt und heute sage ich Chips, was sie tun sollen und finde heraus, warum sie es dann doch nicht machen.
Aktiv teil nehme ich seit 2012, als ich ernsthaft angefangen habe, Demopartys zu besuchen und vor allem mein eigenes Erstlingswerk veröffentlicht habe: Einen kleinen Chip in einem Audiostecker, der Musik spielt. Ich wurde dabei von der Szene so enthusiastisch und freundlich aufgenommen, dass ich mich gerne immer mehr eingebracht habe, teils durch weitere kleine Produktionen und teils durch Rahmenprogramm und Organisation auf den Partys.

D.Fox: Hi, ich bin Reza „D.Fox“ Esmaili und bin seit 1997 in der Demoszene aktiv.
Meine Story ist nicht viel anders. Als Schüler habe ich mich mit Programmierung und Grafik auf meinem C64 und später dem Commodore Amiga beschäftigt, und über Mailboxen habe ich Demos, Intros und Grafiken der Szene entdeckt. Irgendwann hat mich dann ein Freund auf eine Demoparty mitgenommen – danach war ich süchtig und habe auch direkt angefangen mich an den Wettbewerben zu beteiligen. Seit 2002 organisiere ich Demoparties mit, was mir viel Spaß macht. Seit 1997 habe ich mehr als 120 Demoparties besucht und mehr als 40 (mit)organisiert.
Beruflich habe ich nicht direkt etwas mit der Demoszene zu tun, bin aber durch sie zu meinem momentanen Beruf – Softwareentwickler und Projektleiter – gekommen. Viele Dinge, die ich in der Demoszene mache und lerne, nützen mir auch im Beruf, und anders herum natürlich auch.

 

Was reizt dich persönlich an der Demoszene?

dojoe: Was mich hingebracht hat, ist die Mischung aus High Tech und Kunst, die die Szene verkörpert – mich fasziniert die vielseitige Ästhetik von Demos und die vielfältigen Verkörperungen des Konzepts “Kunst”, die in Demos ihren Ausdruck finden, genauso wie die technischen Aspekte davon, wie Person X Effekt Y realisiert hat.
Was mich aber langfristig hier hält und immer wieder auf die Partys zieht, ist dieser total chaotische Haufen völlig unterschiedlicher und extrem kreativer Menschen, die mit all ihren Eigenarten, Lebensgeschichten und Interessen faszinierend und liebenswert sind. Die Szene ist so etwas wie eine zweite sehr große Familie für mich und die Demopartys sind unsere Familientreffen.

 

Wie hat sich die Szene in den letzten Jahren entwickelt?

dojoe: Einer der running gags in der Szene ist, dass die Szene tot sei – so oft, wie wir inzwischen von unseren eigenen Mitgliedern totgesagt wurden, dürfte es seit Anfang der 2000er keine Szener mehr geben.
Wie viele andere Gemeinschaften haben auch wir immer wieder Probleme mit dem Generationenwechsel. Gestandene Mitglieder fangen an zu studieren, gründen Familien, verlieren das Interesse etc. Immer wieder kommt dann die Frage auf, wohin es weitergeht, ob wir stagnieren, woher wir neue Mitglieder bekommen sollen.
Und dann kommen immer wieder neue Leute um die Ecke, die den Laden aufmischen – durch ein neues Konzept, Erschließung eines interessanten neuen Computertyps, oder einfach dadurch, dass sie technisch und künstlerisch brillante Produktionen liefern. Aber auch viele zwischendurch verlorengegangene Szener, deren Kinder aus dem gröbsten raus sind, kehren irgendwann wieder zurück. Das Spiel wiederholt sich jetzt schon seit Jahrzehnten immer wieder.
Wir sind also ständig in einem Fluss aus Totsagung und Erneuerung und dafür hat sich unsere Aktivität ziemlich gut gehalten; der Amerikaner würde es “alive and kicking” nennen =)

 

D.Fox, du veranstaltest die Revision. Erzähl doch mal: Seit wann gibt es sie und wie hat sie sich seit den Anfangstagen entwickelt?

D.Fox: Revision gibt es seit 2011. Als Anfang 2010 bekannt wurde, dass Breakpoint, die in dieser Zeit größte reine Demoparty, nicht neu aufgelegt wird, hat ein kleines Team direkt mit der Planung angefangen. Im Herbst 2010 waren wir dann bereit unsere neue Party der Öffentlichkeit vorzustellen.
Auf der Veranstaltung haben wir Jahr für Jahr auch immer wieder neue Features für unsere Besucher entwickelt. Zum Beispiel gibt es kostenlos Kaffee und Tee und einen Bus-Shuttle Service von und zu den Hotels und Flughäfen. Wir haben auch neue Wettbewerbsformate entwickelt bzw. in Kooperation mit anderen Demo-Partys weltweit übernommen und auf unserer Party adaptiert. So haben wir eine Live-Shader-Coding Competition auf der Bühne, bei dem zwei Coder in einem 20 Minuten Battle vor Publikum versuchen, den jeweils besseren Effekt zu produzieren. Auch unser Rahmenprogramm mit Seminaren und Musik hat sich stetig weiterentwickelt. In unseren Wettbewerben gibt es seit einigen Jahren die Möglichkeit, schon während ein Wettbewerb läuft, direkt für einen Beitrag per Live-Voting abzustimmen – seit 2016 auch mit unserer eigenen Android/iOS App.
Ich würde sagen, dass wir seit dem Anfang jedes Jahr ein Stück professioneller geworden sind, sowohl was die Vorbereitung als auch die Ausführung angeht. Seit 2013 haben wir auch jedes Jahr ein Theme das wir (mit mehr oder weniger Erfolg) versuchen durchzuziehen: Von unserer Invitation-Demo, über News vor der Party bis hin zur eigentlichen Ausführung.
Auch aus technischer Sicht machen wir jedes Jahr Fortschritte und setzen neue Hardware, Netzwerktechnologie und neue Steuertechniken für Bild- und Audioregie ein. Das wird jetzt wahrscheinlich gerade ein wenig zu nerdig ;-) …aber es ist auch etwas, worauf wir stolz sind – und es gibt unserem Team jedes Jahr neues „Spielzeug“, was natürlich auch wichtig ist, damit man nach all den Jahren die Motivation nicht verliert und sich immer wieder auf etwas neues freuen kann.

 

Warum sollte man zur Revision kommen? Was wird dort geboten?

D.Fox: Da Revision die zur Zeit größte, pure Demoparty der Welt ist, ist es die perfekte Gelegenheit mit Computerbegeisterten aus über 35 Ländern in Kontakt zu treten. Für viele unserer Besucher ist es auch vielleicht die einzige Zeit im Jahr, wo man Freunde von überall her persönlich trifft und sich, gerne auch bei einem Bier oder zwei, austauschen kann.
Generell haben wir die größte Vielfalt an Competitions die es momentan in der Demoszene gibt. Abgerundet wird das durch ein tolles Seminar- und Musikprogramm, einen Außenbereich mit Essens- und Getränkeständen und ein kuschliges Lagerfeuer. Ich denke auch, dass wir momentan echt ein tolles Team haben und unseren Besuchern eine super Atmosphäre und professionelle Ausführung bieten können. Bis auf einige Ruhestunden haben wir auch fast non-stop Programm – viel Zeit zum Schlafen ist nicht! :-)
Neben all diesen Dingen haben wir noch ein paar Special Events wie z. B. Die Meteoriks-Award Show, wo in verschiedenen Kategorien die besten Produktionen der Demoszene prämiert werden, einen 5k Laufwettbewerb und vielleicht noch ein paar andere Überraschungen…
Achso – und wir haben den längsten Toilettentunnel einer Demoparty ;-)

 

Der technische Fortschritt und der mittlerweile gigantische Arbeitsspeicher hat in den letzten Jahren immer ausgeklügeltere Demos ermöglicht. Wie stehst du dazu, dojoe? Ist das überhaupt noch „true“?

dojoe: Hahaha, darauf kriegst du von fünf Szenern sieben verschiedene Meinungen! Hier hast Du meine:
Was ich an der Szene unter anderem mag, ist, dass wir es uns leisten, gleichzeitig nach vorne und zurück zu schauen. Für jede Computerplattform gibt es irgendwo mindestens einen Verrückten, der Demos dafür schreibt. Dadurch sind von extrem begrenzten Computern wie den alten Atari-VCS-Spielkonsolen bis zu modernen PCs mit extrem leistungsfähigen Grafikkarten alle Plattformen vertreten und es gibt auch einen regen Austausch von Konzepten zwischen diesen Plattformen.
Offensichtlich “true” sind dabei die Demos, die auch heute noch für alte und/oder sehr begrenzte Plattformen gemacht werden. Es gibt aber auch Demos, die sich stark bei deren “oldschool”-Konzepten bedienen, diese dann aber mit modernen Effekten auf moderner Hardware umsetzen. Das ist der Blick nach hinten, der bei uns sehr respektiert ist, auch weil auf diesen alten Plattformen heute noch interessante Programmiertricks entdeckt werden, und weil die „oldschool“-Ästhetik die gesamte Szene bis heute prägt.

Andererseits hat sich die Szene – das ist der Blick nach vorne –  schon seit langem weitestgehend von der Idee emanzipiert, nur eine beschränkte Plattform könne auch “true” sein. Seit es erweiterbare und sich ständig weiterentwickelnde Plattformen wie den PC gibt, stellt sich die Szene auch die Frage: Wenn ich keine technischen Beschränkungen hätte, welche Welten würde ich dann erschaffen? Hier liegt der Fokus dann viel stärker auf der künstlerischen und ästhetischen Seite der Produktionen als auf der technischen.

D.Fox: Es gibt nach wie vor Kategorien, die auch auf modernsten Computern technisch sehr anspruchsvoll sind, wie 4k, 8k und 64k. Mit Effekten, die vor 10 Jahren toll waren kann man heute auch da keinen Blumentopf mehr gewinnen :-) Der Wettbewerb gerade in diesen Kategorien ist meiner Meinung nach sehr stark.

 

Das Erstellen einer Demo ist Teamwork – wie groß ist ein Team durchschnittlich und welche Fähigkeiten müssen an Bord sein, damit das was wird?

dojoe: Die drei klassischen Disziplinen der Demoszene (jemand nannte sie kürzlich sehr treffend „die drei Säulen der Szene“) sind Musikproduktion, Grafik und Programmierung (genannt Code), wobei die Grafik sich noch auffächert in tatsächliche Bilder, die dann als Hintergründe oder Texturen auf Objekten verwendet werden, und Modellierung von 2D- oder 3D-Formen.
Auf wie viele Teammitglieder sich das dann verteilt, ist extrem unterschiedlich, von Einmannshows bis zu Großproduktionen mit über zehn Beteiligten ist alles vertreten. Im Schnitt würde ich sagen: drei.

D.Fox: Ich war in den letzten Jahren immer mit den Invitation Demos für Revision involviert. Unsere Teamstärke rangierte da zwischen 4 und 12.

 

Würdest du sagen: Demo ist Kunst?

dojoe: Absolut. Und genau wie bei anderen Kunstformen haben auch wir das ganze Spektrum vertreten – die offensichtlich künstlerisch wertvollen Werke, die Crowdpleaser, die reinen Spaßproduktionen, Designstudien, das Seltsame und das sehr Seltsame.

 

Frage zum Schluss: Wenn man die Demoszene als „nerdig“ bezeichnet: Ist das eine Beleidigung oder ein Kompliment?

dojoe: Das kommt komplett darauf an, wer es sagt und wie ;) Grundsätzlich wissen die meisten von uns, dass wir ein chaotischer Haufen introvertierter Nerds sind. Und wir selbst finden das auch kein bisschen schlimm.

D.Fox: Grundsätzlich nerdig, ja – wie jede spezialisierte Gruppe von Interessierten. Aber dennoch findet man unter den Demoszenern alle: Studenten, Firmenchefs, Obdachlose, Familienväter und -mütter, stereotypische Meganerds und auch völlig normale Leute.

 

Danke!

Unsere zwei Interviewpartner.

dojoe und D.Fox auf der Revision 2015

 

 

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Fotos: viscid, Revision, IndustrialPope

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