Arbeitswelt 4.0 – wie viel Science Fiction ist schon jetzt möglich?

Das Großraumbüro in der Vision des Fraunhofer IAO.

Persönlicher Drehstuhl ade! Wenn es nach dem Fraunhofer Institut für Arbeitswissenschaft und Organisation in Stuttgart geht, gibt es bald keine festen Sitzplätze mehr im Büro und den ganzen Tag sitzen ist überhaupt out. Stattdessen gibt es viel Tageslicht, Stehpulte und diverse Sofas und Sitzecken. Das Ziel: Das Wohlbefinden der Mitarbeiter fördern. Der Hintergedanke: Mit der wachsenden Motivation steigt auch die Arbeitsleistung der Mitarbeiter. Nebenbei minimiert das Fehlzeiten und stärkt die Bindung an den Arbeitgeber. Klingt nach win-win und ist vor allem in Zeiten des Fachkräftemangels in der IT ein heißes Thema. Microsoft machen es mit ihrem neuen Bürogebäude in München schon vor – arbeiten wir bald alle im modernen Büro?

 

Microsoft machen modernes Arbeiten vor – Vorzeigeprojekt oder realistische Zukunftsvision?

„Traditionelle Bürokonzepte passen nicht mehr in die digitale Welt“ sagt Sabine Bendiek, Chefin von Microsoft Deutschland. Sie muss es wissen, denn sie eröffnete letztes Jahr das neue Büro von Microsoft in München. Gemeinsam mit dem Fraunhofer Institut wurde hier realisiert, was für den normalen Büro-Arbeiter noch Science Fiction ist: Flexible Arbeitsplätze statt dem immer gleichen ausgesessenen Drehstuhl, Lounges statt Teeküchen, „Converse Spaces“ statt öder Besprechungsräume. Im Versuchsbüro von Adidas in Herzogenaurach, die ähnliches vorhaben, ist der Boden des Brainstorming-Raumes beschreibbar. In diesem Büro gibt es 260 Schreibtische für 330 Mitarbeiter, da dank Home Office Regelung sowieso nie alle gleichzeitig da sind. Das alles klingt ziemlich nach Vorzeigeprojekt – wie viel davon können auch weniger ambitionierte Arbeitgeber realistisch umsetzen?

 

In der Arbeitswelt 4.0 wird das Großraumbüro smart

Wer Großraumbüro hört, denkt erstmal an dröge Räume mit Reihen von Schreibtischen, die durch Sichtschutzwände getrennt sind. Es ist laut, viel zu stickig und eine Zimmerpflanze das Höchste der Gefühle. Das geht besser, dachten sich die Forscher vom Fraunhofer IAO. In ihrer Vision gibt es ebenfalls nur einen großen Raum pro Etage. Aber hier kommt viel Tageslicht durch die großen Fenster – oder wird vom „Virtual Sky“ simuliert.Der Virtual Sky im Büro der Zukunft.

In den großen offenen Büroräumen existieren außerdem verschiedene Arbeitszonen – Ohrensessel oder Stehpulte für die einzelne Stillarbeit, schall-abgeschirmte Besprechungsräume und lauschige Sitzecken um mit Kollegen oder Kunden zusammenzukommen und sich auszutauschen. Denn wenn wir uns fürs Daten bearbeiten, Programmieren und E-Mails beantworten nicht mehr unbedingt aus dem Home Office bewegen müssen, wird das Büro mehr und mehr zum Versammlungsort. Überhaupt wird die Bedeutung von Gruppenarbeit und dem persönlichen Austausch am Arbeitsplatz in Zukunft zunehmen. Dem muss sich die Einrichtung anpassen – Konferenzräume, Besprechungsinseln und Sitzgruppen statt Einzelschreibtischen und Arbeitszimmern.

 

Modernes Arbeiten ist flexibel und selbstbestimmt

Im modernen Büro wird also nicht nur die Anwesenheitspflicht abgeschafft, sondern auch der persönliche Schreibtisch. Es läuft ja sowieso alles über zentrale Server, auf die man von Workstations oder seinem persönlichen Laptop bzw. Tablet aus zugreift. Je nach Gusto, Tagesform oder Aufgabenstellung begibt man sich morgens an den Arbeitsplatz seiner Wahl oder bleibt daheim, loggt sich ein und legt los. Damit das Ganze nicht völlig unübersichtlich wird, setzt Microsoft München übrigens eine App ein, mit der man seine Kollegen im Gebäude lokalisieren kann, wenn man mal von Angesicht zu Angesicht reden möchte.

Mitarbeiter legen Wert auf Heimarbeit

Dass das nicht jedes Unternehmen genauso umsetzen kann oder will, ist klar. Im Gegenteil – den eigenen, festen Arbeitsplatz zu haben, darauf besteht über die Hälfte der Arbeitnehmer, wie Umfragen zeigen. Etwas mehr Autonomie als bisher wäre trotzdem wünschenswert. Im europaweiten Vergleich liegt Deutschland nach wie vor auf den hinteren Plätzen, was Flexibilität bei der Arbeit angeht. Obwohl 40 % aller Arbeitsplätze Home Office-geeignet sind – und bei reinen IT-Jobs dürfte der Anteil noch weit höher liegen – arbeiten nur 12 % der Angestellten überwiegend oder gelegentlich von zu Hause aus. Erschreckenderweise mit seit Jahren leicht fallender Tendenz! Dabei wünschen sich zwei Drittel aller Arbeitnehmer die Möglichkeit, von zu Hause aus zu Arbeiten oder sich zumindest die Arbeitszeit flexibel einteilen zu können. Das wäre eine einfache und effektive Maßnahme um die Selbstbestimmtheit und Zufriedenheit der Mitarbeiter zu steigern – dazu muss man nicht Microsoft heißen.

 

Gegen die Trägheit – im modernen Büro herrscht Bewegung

Egal ob im Büro oder im Home Office: Die meisten von uns schalten morgens den Rechner ein und setzen sich an den Schreibtisch. Das Problem: Dort bleibt man dann den ganzen Tag so sitzen, vielleicht unterbrochen von zwei Mal Kaffee holen und ein Mal in die Kantine schlurfen. Der deutsche Durchschnitts-Büroarbeiter verbringt dadurch rund 80.000 Stunden seines Berufslebens im Sitzen. Dass das auf die Dauer nicht nur Rückenprobleme verstärkt, sondern auch die Gefahr ernsthafter Erkrankungen fördert, dürfte mittlerweile als Konsens gelten. Folgerichtig ist das moderne Büro mit Stehtischen ausgestattet. Mindestens: Durch ein Laufband kann das Stehpult zum Gehpult gepimpt werden. Dort absolviert man gemütlich seine täglichen 10.000 Schritte, während man Code tippt und E-Mails beantwortet. Was in der Theorie gut klingt, wird aber wohl selbst 2030 noch die Ausnahme sein. Abgesehen von den hohen Anschaffungskosten ist auch die irritierende Geräuschentwicklung ein starkes Argument gegen gehende Kollegen am Nachbartisch.

 

Arbeitsmediziner empfehlen: Höchstens 50 % Sitzen am Tag!

Es muss ja auch nicht gleich ein Laufband sein – Arbeitsmediziner betonen vor allem, wie wichtig der regelmäßige Wechsel der Arbeitshaltung ist. In einer überraschend unterhaltsam geschriebenen Broschüre empfiehlt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, nur 50 % der Arbeitszeit im Sitzen zu verbringen. Den Rest der Zeit soll man möglichst jeweils zur Hälfte gehend und stehend verbringen – am Stehpult, beim Stand-up-Meeting mit Kollegen und dadurch, dass man Drucker, Kaffeemaschine und andere lebenswichtige Utensilien möglichst weit weg vom Schreibtisch aufstellt. Schon ein kleines bisschen mehr Bewegung am Arbeitsplatz steigert Wohlbefinden, Motivation und Produktivität.

 

Intelligente Räume statt Raufasertapete – das digitale Büro

Im Fraunhofer Institut wird aber nicht nur über die Vorteile von Stehtischen geforscht. Unter anderem werden dort gerade intelligente Wände und smarte Tische entwickelt. Mit integrierten Bildschirmen oder per Beamer projizierten Bildern kann hier per Multi-Touch interagiert werden. Das soll gut bei Meetings funktionieren, man kann Dateien und Bilder hineinziehen und den Kollegen zeigen oder Ideen einfach an der nächsten Wand festhalten. Vereinzelt werden diese Technologien auch schon eingesetzt, für die Meisten von uns ist das aber dann doch noch Zukunftsmusik. Wilhelm Bauer, Chef des Fraunhofer Instituts Stuttgart und Mitentwickler des Zukunfts-Büros stellt hierfür das Jahr 2030 in den Raum. Ebenfalls in Arbeit ist die intelligente und individuelle Steuerung von Licht und Raumtemperatur. Mittels Fitnessarmbändern wird das Wohlbefinden der Mitarbeiter an die Gebäudesteuerung übermittelt. Abgestimmt auf den Benutzer können Temperatur und Lichtstimmung individuell angepasst werden, je nach Art der Beschäftigung, persönlichen Vorlieben und Tageszeit. Durch solche technischen Tricks sollen Müdigkeit und das gefürchtete Nachmittagstief überwunden werden. Übrigens: Bis es soweit ist, können wir uns auch einfach selbst behelfen: Tönen Sie am Abend die Bildschirmfarbe mit tools wie f.lux in ein dem natürlichen Abendlicht entsprechenden Rot – das schont die Augen und bewahrt vor Schlaflosigkeit, die durch die Blau-Anteile von Bildschirmlicht ausgelöst wird.
Viel Grün und Tageslichtlampen schaffen eine gute Büroathmosphäre.

 

Fazit: Das Büro von morgen kann schon heute Realität werden

Viele der Ideen und Konzepte, die von der Forschung bearbeitet werden, lassen sich schon heute relativ problemlos umsetzen. Es muss ja nicht gleich das ganze Büro umgestaltet werden, um den Mitarbeitern mehr Autonomie und Bewegungsfreiheit zu gestatten. Und inwieweit sich das Monitoring der Mitarbeiter über Fitnessarmbänder mit Datenschutzfragen vereinbaren lässt ist sowieso ein eigenes Thema. Wieviel modernes Büro ist bei Ihnen bereits Realität?
Berichten Sie uns in den Kommentaren!


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Fotos: Jörg Bakschas Headroom Consult und Ludmilla Parsyak © Fraunhofer IAO, Giphy

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